Lotto oder ETF? 70 Jahre Daten zeigen die brutale Wahrheit
Wenn du seit der ersten Lottoziehung am 9. Oktober 1955 jede Woche denselben Tipp gespielt hättest (sechs Zahlen aus 49, plus seit 1991 die Superzahl), dann läge dein Gesamteinsatz heute bei rund 4.700 €. Statistisch zurückbekommen hättest du etwa die Hälfte. Knapp 70 Jahre Treue zur eigenen Glückszahl, am Ende ein klares Minus.
Diese Seite rechnet das nicht in der Theorie durch, sondern gegen jede einzelne der über 5.000 echten Ziehungen seit 1955. Und wir vergleichen das Ergebnis mit dem, was passiert wäre, wenn du das Geld stattdessen anders eingesetzt hättest: unters Kopfkissen, aufs Sparbuch, in einen ETF auf den S&P 500. Selbst nichts tun wäre besser gewesen als spielen.
Die Mathematik hinter Lotto 6aus49
Die Wahrscheinlichkeit, sechs Richtige plus Superzahl zu tippen, liegt bei 1 zu 140.343.756. Wenn du jeden Samstag einen Tipp abgibst, müsstest du statistisch über 2,7 Millionen Jahre spielen, um diesen Jackpot einmal zu treffen. Sechs Richtige ohne Superzahl: 1 zu 15,5 Millionen. Drei Richtige (die häufigste Gewinnstufe): 1 zu 57.
Das ist kein Pech, das ist Konstruktion. Lotto schüttet rund 50 % der Einsätze als Gewinne aus. Der Rest geht an Bearbeitungsgebühren, Steuern und gemeinnützige Zwecke. Diese Quote ist nicht die Schuld eines „schlechten Jahres", sie ist seit 1955 strukturell stabil. Pro Euro Einsatz verlierst du im Schnitt 50 Cent.
Drei Spielertypen, drei Bilanzen
Damit das nicht abstrakt bleibt, haben wir drei typische Spielprofile durchgerechnet, jeweils gegen alle Ziehungen seit 1955 (~5.000 Stück). Der Einsatz pro Tipp wurde DM-/EUR-konform pro Epoche angesetzt: 0,26 DM in den 50ern, bis 1,20 € heute.
Der Gelegenheitsspieler: 2 € pro Woche
Ein Tipp pro Woche, immer dieselben Zahlen. Gesamteinsatz seit 1955: ca. 4.700 €. Erwarteter Gewinn: ca. 2.300 €. Netto: −2.400 €. Die Hälfte liegt im Schnitt bei der Lotteriegesellschaft. Nicht durch Pech, sondern durch das System.
Der Mittelspieler: 10 € pro Woche
Fünf Tipps pro Woche. Gesamteinsatz seit 1955: ca. 23.500 €. Netto: −11.700 €. Manche dieser Spieler hatten in den 70ern oder 90ern auch mal vier oder fünf Richtige. Das macht den Verlust nicht wett. Das Erwartungs-Profil ist unverändert.
Der Großspieler: 30 € pro Woche
15 Tipps pro Woche, Vollabo. Gesamteinsatz: ca. 70.000 €. Netto: −35.000 € im Erwartungswert. In dieser Liga verlierst du in einem Spielerleben den Gegenwert eines neuen Mittelklassewagens. Und ja, das ist die Hälfte eines Eigenheim-Anzahlungs-Tickets.
Vier Wege für dein Geld im Vergleich
Lotto vs. ETF ist nicht die einzige Frage. Was wäre, wenn du das Geld einfach unter dein Kopfkissen gelegt hättest? Oder aufs Sparbuch? Hier der Vergleich für den Mittelspieler (10 € pro Woche, über 40 Jahre Spielzeit):
| Szenario | Einzahlung | Endwert | Differenz |
|---|---|---|---|
| Lotto weiterspielen | 20.800 € | ~10.400 € | −10.400 € |
| Unters Kopfkissen | 20.800 € | ~7.700 € Kaufkraft | −13.100 € (Inflation) |
| Sparbuch (2 % p. a.) | 20.800 € | ~31.700 € | +10.900 € |
| ETF-Sparplan (7 % p. a.) | 20.800 € | ~114.000 € | +93.200 € |
Lotto liegt am Ende fast gleichauf mit „Geld unters Kopfkissen": beide verlieren, nur unterschiedlich. Sparbuch verdoppelt deinen Einsatz im Erwartungswert. Der ETF versechsfacht ihn. Wir rechnen mit dem S&P 500 mit Dividendenreinvestition (Total Return), der MSCI World liefert langfristig sehr vergleichbare Ergebnisse.
Selbst das Kopfkissen, also buchstäblich nichts tun, schlägt im langen Schnitt nicht den ETF, aber es schlägt den Lotto-Erwartungswert nur knapp. Inflation frisst leise, Lotto frisst laut.
„Ja, aber jemand gewinnt doch"
Stimmt. Jemand gewinnt. Genau einer von 140 Millionen pro Jackpot. Wenn du dabei sein willst, ist das eine völlig legitime Entscheidung, solange du sie als das siehst, was sie ist: Unterhaltung, kein Investment. Ein Kinobesuch kostet 14 €, ein Lottoschein kostet 6 € und liefert ein paar Tage Tagträumerei. So gerechnet ist Lotto ein fairer Preis für Hoffnung, nur eben kein Sparplan.
Problematisch wird es, wenn der Schein vom Unterhaltungs-Budget in das Vorsorge-Budget rutscht. Dann ersetzt ein 50:50-Erwartungswert einen 7-%-Renditemix. Mathematisch ist das keine Strategie, sondern ein Leck.
Was du jetzt tun könntest
Du musst nichts entscheiden. Aber wenn dich die Zahlen nachdenklich gemacht haben:
- Das Spielbudget begrenzen. Setz dir ein monatliches Limit (10 €? 20 €?), sieh es als Eintritt für den Tagtraum, und überschreite es nicht.
- Die Differenz sparen. Wenn du heute 30 €/Woche spielst und auf 10 € reduzierst, bleiben 20 €/Woche = ~87 € im Monat übrig. Das ist mehr als genug für einen ETF-Sparplan.
- Klein anfangen. ETF-Sparpläne starten bei den meisten Brokern ab 1 €/Monat. Du musst nicht alles auf einmal umstellen.
- Verstehen, was du kaufst. Ein „Welt-ETF" (MSCI World oder S&P 500) ist kein Geheimtipp, sondern seit Jahrzehnten das langweilige, konservative Setup, das mathematisch funktioniert.
FAQ
Aber ein ETF kann doch auch verlieren?
Kann er. Einzelne Jahre: ja, der S&P 500 hat seit 1955 mehrere Jahre mit −20 % oder schlechter erlebt. Auf 30+ Jahre breit gestreut hat er jeden Anlagezeitraum positiv abgeschlossen. Lotto im Erwartungswert: nie positiv.
Was ist mit Eurojackpot, Spiel 77, Glücksspirale?
Ähnliche Strukturen, ähnliche Ausschüttungsquoten (40–60 %). Das Argument bleibt gleich: Im Erwartungswert verliert das Produkt, weil es so designt ist.
Warum rechnet ihr mit dem S&P 500 statt MSCI World?
Weil wir lückenlose Daten seit 1871 haben (durchgereicht aus der Shiller-Datenbasis). Der MSCI World existiert erst seit 1969 und liefert für die letzten 50 Jahre sehr ähnliche Ergebnisse: keine 1:1-Identität, aber im Trend gleich.
Spiele ich gar nicht mehr Lotto, wenn ich das hier ernst nehme?
Musst du nicht. Lotto ist okay als Unterhaltung. Es ist nur kein Vermögensaufbau. Trenn die beiden Budgets. Dann spielst du, weil du Lust hast, nicht weil du hoffst.
Was wenn ich nur einmal im Jahr Lotto spiele, an Silvester?
Mathematik bleibt Mathematik, der Schaden aber überschaubar. Ein Tipp pro Jahr für 1,20 € ist eine Geste, kein Vermögensschaden. Der Erwartungswert von rund 60 Cent Verlust pro Jahr fällt in keinem Haushalt auf. Heikel wird's erst, wenn aus „mal an Silvester" ein wöchentlicher Reflex wird.
Warum berechnet ihr 6aus49 und nicht Eurojackpot?
Wegen der Datenlage. 6aus49 hat lückenlose öffentliche Daten seit 1955, Eurojackpot erst seit 2012, und aus zwölf Jahren lässt sich kaum ein Trend ableiten. Außerdem ist 6aus49 die meistgespielte Lotterie in Deutschland, also der größte tatsächliche Geldabfluss pro Kopf. Die Logik überträgt sich ohnehin: wenn 50 % Auszahlungsquote den ETF nicht schlägt, schaffen es 35–45 % beim Eurojackpot erst recht nicht.
Sind ETF-Gewinne nicht steuerpflichtig, Lotto-Gewinne aber nicht?
Stimmt. In Deutschland sind Lotto-Gewinne steuerfrei, ETF-Erträge unterliegen der Abgeltungsteuer (25 % plus Soli, plus ggf. Kirchensteuer). Macht das den Vergleich kaputt? Nein. Selbst nach voller Abgeltungsteuer landet der mittlere Spieler (40 Jahre, 10 €/Woche) am Ende bei ~91.000 €, statt unbesteuerter 114.000 €. Die Lotto-Bilanz bleibt bei ~−10.400 €. Der Steuervorteil rettet das Lotto nicht, weil im Erwartungswert ohnehin nichts zu versteuern ist.
Was wenn ich schon 30 Jahre lang Lotto spiele?
Das vergangene Geld ist weg, sunk cost. Wichtiger ist, was du mit den nächsten 20 Jahren machst. Bei 10 € pro Woche im ETF-Sparplan (7 % p. a. Erwartungsrendite) sind das nach 20 Jahren etwa 27.000 €. Bei weiterem Lotto-Spiel etwa −5.200 €. Der Wechsel lohnt sich also auch jetzt noch. Mathematisch jedenfalls.
Quellen
- Lotto-Ziehungen, Quoten, Auszahlungsquote: lotto.de, Spielregeln (offizielle DLTB-Quelle).
- S&P 500 Total Return: Robert Shiller, Online Data (Monatswerte zurück bis 1871).
- Lotto-Kombinatorik (1 zu 13.983.816): Wikipedia, Lotto.
- Inflationsannahme: Statistisches Bundesamt, Preise.
- Methodik im Detail: Belege & Quellen auf der Über-uns-Seite.
Weiter im Ratgeber
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